Schnell mal nach Italien…

Der Bus M29 fährt heute nach Italien! Eher ungewöhnlich für die berüchtigte Zuspätkommer-Linie, die ihrem Ruf wieder alle Ehre macht. Die Fahrplan-App zeigt 19 Minuten Verspätung an, als das zweistöckige Gefährt endlich vorrollt. Im Oberdeck böllert die Heizung und hat die Luft auf mindestens 26 Grad aufgewärmt. Italienische Verhältnisse. Geht schon mal gut los, denke ich. Wenn Mantel und Schal jetzt nicht wären… Schnell aus beidem rausgeschält, sind ja noch ein paar Stationen. Vor den Fenstern ziehen KdW, Gedächtniskirche und das verbarrikadierte Café Kranzler an mir vorbei. Seit der Zeitumstellung vor ein paar Tagen kommt mir der Abend noch dunkler vor. Am U-Bahnhof Uhlandstraße steige ich aus, laufe die Grolmannstraße nach Norden hoch am „Botox-to-go“-Geschäft vorbei (schon ab 150,00 Euro!). Schnell weiter.

Kurz hinterm Savignyplatz ist das Ziel erreicht: Hell und freundlich leuchtet das Restaurant Bertolini und beim Eintreten fällt mir gleich die riesige Feinkosttheke auf. Hier soll Italien ganz nah sein und beim Anblick der dargebotenen Delikatessen bin ich geneigt dem Versprechen zu glauben. Drinnen reicht mir ein freundlicher Herr im Cordsakko zur Begrüßung einen Aperitif aus Limoncello, Tonic und Minze. Er sieht ein bisschen aus wie David Guetta, wie später jemand anmerken wird. Im Limoncello von Nastro d’oro landen ausschließlich Zitronen von der sorrentinischen Halbinsel. Der Likör schmeckt angenehm weich und erfrischend. Im Rahmen der Girogusto, der „Tour des guten Geschmacks“, sind vier Produzenten angereist, um uns kältegeplagten Berlinern am heutigen Abend den traditionellen Geschmack Italiens näher zu bringen. Darauf kann ich mich einlassen!

Die kulinarischen Protagonisten des Novemberabends im Bertolini kommen aus vier italienischen Regionen: Routiniert begleiten uns die Weine von Tenuta Carretta aus dem Piemont durch die Nacht. „Bitte nicht vergessen Ihren guten Appetit mitzubringen!“ So hatte man uns per Mail schon vorgewarnt. Einen Rat, den ich zum Glück befolgt habe, denn alles, was jetzt kommt, ist aromatisch, üppig und sehr, sehr lecker. Vergnügt probierte ich mich durch Wurstplatte von Levoni, der preisgekrönten Salami-Marke aus der Emilia-Romagna mit dem lustigen fliegenden Schwein im Logo. Als Hommage an die vor wenigen Wochen vom Erdbeben zerstörte Stadt Amatrice, wird als nächster Gang einen hübsch angerichteter Teller mit Pasta „Amatriciana“ serviert. Die Nudeln sind perfekt al dente und die Sauce schmeckt ausgewogen tomatig, fruchtig, rauchig. Wie es sich für ein gutes italienisches Menü gehört, folgt auf den primo der secondo piatto: Es gibt superzarte, mit Speck umwickelte Lammkoteletts in einer feinen Rotweinsauce, obendrauf ein paar Trüffelspäne gehobelt.

Levoni-Wurstbrett mit Salame Finocchiona, Salame Ventricina, Culatta Prontafetta, Mortadella Bologna IGT Oro

Pasta Amatriciana

Das elegante angerichtete und äußerst köstliche Lammkarree in Rotweinsauce

Die Stimmung im Raum ist ausgelassen und geschwätzig. Ich habe Tischfreundschaft mit zwei Journalistinnen geschlossen und „David Guetta“ ist auch da. Er fragt nach der Berliner Seele, die sich ihm bisher noch nicht erschlossen hat und wir klären ihn auf, das es die eine Seele nicht gibt. „Berlin has many centres and many souls. It’s always a matter of persperctive…“ Für ihn klingt das erst einmal plausibel und er verspricht, sich in den nächsten Tagen noch ein bisschen durch die Stadt treiben zu lassen.

Von Hunger kann jetzt eigentlich keine Rede mehr sein. Dennoch freue ich mich auf den Nachtisch, denn der gehört an so einem Abend einfach dazu. Millefoglie al Mascarpone… wie lecker allein das schon klingt! Serviert wird ein pummeliges Türmchen aus Pandoro-Kuchen von der Pasticceria Fraccaro, einem Bäckerei-Imperium mit einer langen Tradition venezianischer Süßspeisen. Zusammengekittet sind die einzelnen Kuchenböden mit einer köstlichen Creme aus Mascarpone und dem Limoncello von Nastro d´Oro. So lecker! Das wird bald nachgemacht, denke ich und bin versucht, nach einer zweiten Portion Ausschau zu halten. Stattdessen frage ich nach einem Espresso zum Abschluss des Menüs. „Die Maschine ist schon aus…“  Ich habe mich nicht verhört: In der Tat leuchtet kein Knöpfchen an der großen Kaffeemaschine. Sie steht einfach dort und sieht so dunkel glatt ein bisschen verlassen aus. Kommt jetzt der Absturz zurück in die graue Berliner Realität? Nicht ganz, eine nette Dame schiebt mir lächelnd einen Teller mit Panettone-Schieben rüber. „Hier, probieren Sie!“ 

Ein schiefer Nachtisch-Traum

 

 

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