Stone Berlin: Kalifornische Bier-Revolution in Mariendorf

Ein wenig scheint es, als hätte der „Bier-Jesus“ auch das tolle Wetter persönlich bestellt. Als Greg Koch am frühen Abend dieses heißen Spätsommertages, der sich mitten in den September verirrt hat, auf den künstlichen Hügel in Berlin-Mariendorf steigt, badet er buchstäblich im goldenem Licht der tiefstehenden Sonne. Die schulterlangen Haare und der Rauschebart des Mitgründers von Stone Brewing wippen, als er die Stufen erklimmt, um von der Spitze aus ein Projekt offiziell zu eröffnen, das von vielen Hauptstädtern zunächst belächelt wurde: die erste amerikanische Craft-Beer-Brauerei in Europa mitsamt einer ambitionierten Gastronomie-Erlebniswelt namens „World Bistro & Gardens“.

Etwas mehr als zwei Jahre zuvor saß Koch nur wenige Meter von dieser Stelle entfernt am Steuer eines Gabelstaplers und ließ vor laufenden Kameras einen Hinkelstein auf eine Palette Bier großer deutscher Marken stürzen. Es war die perfekt kalkulierte Provokation, die absehbare Reaktionen nach sich zog. Will dieser Ami-Hipster uns etwa erzählen, wie man Bier braut? Und ausgerechnet hier am gottverlassenen, südlichen Stadtrand von Berlin – also praktisch „j.w.d.“ (janz weit draußen) – will er sein Craft-Mekka bauen? Na, dann viel Glück!

Es könnte derselbe Felsen wie bei der Zerstörungsaktion sein, der knapp 26 Monate später als Steintisch auf dem Hügel im fertigen Garten von Stone Berlin steht. Darauf thront ein Holzfass mit einem eigens für den Anlass gebrauten India Pale Ale. Es heißt „Den Göttern dämmert’s ein bisschen“.

Beim Anzapfen in Anwesenheit der Bezirksbürgermeisterin von Tempelhof-Schöneberg unterläuft Koch das erste und einzige Missgeschick des Tages. Er trifft mit dem Hammer zuerst nicht den Hahn, sondern die eigene Hand. Ansonsten hat der Frühfünfziger jede Menge Grund zum Strahlen. Denn gekommen sind an diesem Tag alle: Mitarbeiter, Craft-Beer-Jünger, Geschäftspartner, Journalisten, befreundete Brauer und Konkurrenten. Mehr als 2.000 Menschen sollen sich beim „Grand Opening“ auf dem Gelände tummeln, neben Deutsch hört man vor allem viel amerikanisches Englisch. Sogar aus Brasilien sind Gäste angereist.

Steampunk trifft Steinzeit-Design

Während der kleinen Zeremonie halten sich die meisten von ihnen im großzügigen Garten auf, der ein wenig aussieht, als hätte ein beschwipster Barney Geröllheimer den Job des Landschaftsarchitekten übernommen. Grob behauene Felsen dienen als Stufen und Sitzgelegenheiten, die Treppengeländer sind aus verwittertem Stahl, die bunt zusammengewürfelten Tische und Stühle größtenteils aus Holz. Das Gestaltungskonzept für die gesamten Anlage lautete offenbar Steampunk trifft Steinzeit-Design, Öko-Schick und Berliner Hinterhof-Romantik. Ein zufälliger Blick auf den Bildschirm des Kassensystems an der Hauptbar enthüllt: Ein Teil des Außenbereichs wurde für den internen Gebrauch „Berghain“ getauft.

Bierchen im Garten der Stone-Geröllheimer

Bierchen im Garten der Stone-Geröllheimer

Bei seiner kurzen Ansprache auf dem Hinkelstein-Hügel spricht Koch von einer „Revolution“, die viel mehr umfasse als nur Craft-Bier. Es gehe um eine „Mannschaftsleistung“, an der die Erzeuger aus Berlin und dem Umland, die das Gros der Produkte für das Stone-Restaurant liefern, genauso ihren Anteil hätten wie der Braumeister. Solche Worte stoßen manchen Skeptikern sauer auf. Das Pathos, ja das Messianische, das Koch manchmal ausstrahlt, sei pure „kalifornische Ideologie“, ist zu hören: Strahlend lächelnder Hippie-Kapitalismus, dessen Sendungsbewusstsein und Surfer-Pose nur den Blick auf knallhartes Gewinnstreben verstellten.

Steve Wagner und Greg Stone von Stone Brewing (Foto: Stefan Haehnel)

Steve Wagner (r.) und Greg Stone (m.) gründeten Stone Brewing 1996 in San Diego. (Foto: Stefan Haehnel)

Ihren Worten haben Koch und seine Firma bisher jedenfalls stets Taten folgen lassen. Stone tritt innerhalb der deutschen Craft-Bier-Szene nicht als arroganter großer Bruder, sondern als wilkommener Partner und Förderer auf. Fast ein Drittel der 75 Zapfhähne von Stone Berlin ist etwa für ständig wechselnde „Gastbiere“ reserviert. Dabei kommt die gesamte Breite der Zunft zum Zug, von etablierten Playern wie Maisel & Friends und BRLO bis hin zu kleinen Hinterhofbrauern wie den Two Fellas oder der Kölner Helios Braustube.

Zapfhähne, Zapfhähne, Zapfhähne... (Foto: Stefan Haehnel)

Zapfhähne, Zapfhähne, Zapfhähne… (Foto: Stefan Haehnel)

In der Küche der 2.400 Quadratmeter großen Ex-Gaswerkhalle, die sowohl Brauerei als auch Restaurant beherbergt, werden vor allem Produkte aus Berlin und Brandenburg verarbeitet. Die Salate und Barsche stammen aus einem nur wenige Kilometer entfernten Vorzeigeprojekt für urbane Landwirtschaft und Fischzucht, das Gemüse überwiegend von Bio-Erzeugern im Umland. Das Sagen am Herd hat Robert Hilges, der zuvor schon im Adlon und im Hofbräu am Alexanderplatz Küchenchef war: Ein Mann, der Haute Cuisine und Großgastronomie kann. Soweit sich das von Außen beurteilen lässt, ist Nachhaltigkeit in diesem Unternehmen kein bloßes Lippenbekenntnis.

Blick in die Küche und auf das Büfett der Eröffnungs-Party

Fenster zur Küche (Foto: Stefan Haehnel)

(Foto: Stefan Haehnel)

Hungrige Menschen am Büffet der Eröffnungs-Party. (Foto: Stefan Haehnel)

Es gab leckeres Pulled Pork...

Es gab leckeres Pulled Pork…

... und Nachtisch. (Foto: Stefan Haehnel)

… und Süßes. (Foto: Stefan Haehnel)

So sieht es im Restaurant aus. (Foto: Stefan Haehnel)

So sieht es im Restaurant aus. (Foto: Stefan Haehnel)

Natürlich muss hier auch Geld verdient werden, schließlich investiert Stone mehr als 25 Millionen Euro. Die gesamten Ausmaße des Projekts werden bei einer Besichtigung der Brauanlage deutlich, die das Kerngeschäft von Stone Berlin darstellt. Sie ist vom Restaurant durch eine bis zur Hallendecke reichende Glaswand abgetrennt. In den Kesseln können auf einmal 100 Hektoliter Bier gebraut werden, die Lagertanks fassen 300 Hektoliter (30.000 Liter). An der „kleinen“ 10-Hektoliter-Pilotanlage in einem Nebenraum experimentiert Chef-Braumeister Thomas Tyrell mit neuen Sorten oder setzt mit Gästen Kollaborationssude an. Tyrell stammt, anders als der Name vermuten lässt, nicht aus den Staaten, sondern aus Norddeutschland und forschte zuvor an der Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei in Berlin-Wedding.

Was soll das mit den Dosen?

Abgefüllt werden das Stone IPA, das Arrogant Bastard Ale und die drei weiteren Hauptsorten der Brauerei in Berlin ausschließlich in Dosen. Eine Entscheidung, die Stone auf der Aluminiumverpackung offensiv begründet. „Dosen sind besser“, denn sie seien „endlos recyclebar, umweltverträglicher und besser fürs Bier“. Schon wieder so ein lautes Statement, und noch dazu im Land der umfassendsten Mehrweg- und Einwegpfandsysteme der Welt!

Braumeister mit Hopfen-Pellets.

Braumeister mit Hopfen-Pellets.

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Braumeister Tyrell gibt sich bei der Führung durch die Abfüllanlage zurückhaltender. Er erwähnt kurz, dass Fachleute durchaus darüber streiten, um wieviel die Ökobilanz von Mehrwegflaschen in einem großen Markt wie Deutschland wirklich besser ist als die von Dosen. Dass sich Stone Berlin für Aluminium entschieden hat, habe aber vor allem pragmatische Gründe: Schließlich werde in Mariendorf für den gesamten europäischen Markt gebraut, und der Transport von Dosen sei da einfach günstiger. Und wie steht es mit der unter Craft-Beer-Enthusiasten verbreiteten Meinung, die Dose schütze das Bier besser vor Licht und Sauerstoff? Naja, meint Tyrell, da hielten sich die Alternativen in etwa die Waage. Zwar sei das Getränk in der Dose besser geschützt, komme eim Abfüllen aufgrund der grösseren Öffnung jedoch mit mehr Sauerstoff in Kontakt, als es bei Flaschen der Fall sei. Die Wahrheit liegt am Ende wahrscheinlich in der Mitte: Dosen sind nicht besser als Flaschen, aber – ein funktionierendes Recyclingsystem vorausgesetzt – auch nicht unbedingt schlechter.

Unmengen an Bastard-Dosen warten auf Inhalt.

Unmengen an Arrogant-Bastard-Dosen warten auf ihren Inhalt.

Stone-Dosen vor der Abfüllablage.

Die Endprodukte.

Für die Rock’n’Roll-Attitüde, die Stone beim Bierbrauen an den Tag legt, bietet das denkmalgeschützte Gaswerk die perfekte Kulisse. Blickt man vom Garten auf die neogotische Backsteinhalle mit Filmkulissenqualitäten, dann wird klar, warum sich Koch auf seiner Suche nach einem europäischen Standort auf Anhieb in das Gelände verguckte. Im kreisrunden Oberlicht prangt der Dämon aus dem Firmenlogo, als hätte er dort schon immer über das Treiben unter ihm gewacht. In der Halle, in der das Gestaltungskonzept aus dem Garten weitergeführt wird, ist alles bis ins kleinste Detail durchdacht. In den Toiletten kommt Thrash Metal aus den Lautsprechern – was sonst?

Stone Brewing Berlin ist ein Abenteuerspielplatz für Bierliebhaber und all jene, die noch gar nicht wissen, dass sie eigentlich auch welche sind. Ob das ambitionierte Gastronomie-Konzept auch dauerhaft erfolgreich sein wird? Das Zeug zur Craft-Bier-Pilgerstätte hat dieses Ausflugslokal für das 21. Jahrhundert, und Stone bringt allem Anschein nach den nötigen langen Atem mit. Wir freuen uns schon auf den nächsten Besuch!

Smámunir-Tipp: Die sehr leckere Bratwurst (serviert mit einer geschmorten Zwiebelhälfte, einer honigglasierten Kartoffel vom Grill und hausgemachtem Ruination-IPA-Senf) passt herorragend zu einem Glas Stone Cali-Belgique (tolle Kombination eines kräftig gehopften IPAs mt dem belgischen Saison-Bierstils).

Cheers!

Cheers!

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