Zu Besuch beim Hopfengut №20

Neben dem Hopfengarten werden wir zu Winzlingen. Stolze acht Meter hat sich der Hopfen die steilen Drahtseile empor geschlängelt und wir müssen unsere Köpfe in den Nacken legen, um die obersten Spitzen der buschigen Stauden zu sehen. Wir sind zu Besuch in Tettnang beim Hopfengut №20 inmitten Deutschlands drittgrößtem und südlichst gelegenem Hopfenanbaugebiet. Die Gegend wenige Kilometer oberhalb des schwäbischen Bodenseeufers ist bekannt für Obstanbau, aber auch Hopfen fühlt sich sehr wohl. Die Nähe zum See sorgt für ausreichend Feuchtigkeit, und die vielen Sonnenstunden für kräftige, aromatische Hopfendolden.

Hier baut die Familie Locher in der vierten Generation Bitter- und Aromahopfen an, und verkauft diese in die ganze Welt. Auf mittlerweile 40 Hektar wachsen acht Sorten, darunter Tettnanger, Melon, Mandarina, Cascade und der Newcomer Callista. Neben dem Hopfenanbau gibt es seit Mitte der Neunziger ein Hopfenmuseum, in dem detailliert die Eigenarten und Eigenschaften der Hopfenpflanzen und die Geschichte des Tettnanger Hopfen dargestellt werden. Nach dem Besuch kann man im hell eingerichteten Laden im ersten Obergeschoss des historischen Darrturms kaufen, was der Hopfen so hergibt und im Untergeschoss bei einem Bier und leckeren Speisen in der gemütlichen Gaststätte verweilen.

Im Jahr 2015 haben die Geschwister Charlotte und Lukas die Geschäfte übernommen und „dem Kind“ einen neuen Namen verpasst: Das Hopfengut №20 war geboren und damit eine Dachmarke für die verschiedenen Angebote. Seit dem Generationenwechsel hat sich eine weitere kleine Attraktion für Hopfen- und Bierbegeisterte dazugesellt. Zusammen mit Fritz Tauscher, dem Brauer und Chef der Traditionsbrauerei Krone in Tettnang, haben die beiden eine kleine Brauwerkstatt gegründet, um mit dem eigenen Hopfen besondere Biere zu brauen. Schön, wenn eine Hopfenpflanzer- und eine Brauereifamilie gemeinsame Sachen macht und etwas Außergewöhnliches dabei herauskommt!

Besonders sind sie, die Biere des Hopfenguts, die es bereits ins Berliner Sternelokal Nobelhart & Schmutzig geschafft haben. Auffallend sind schon die eleganten Flaschen, in denen die Sude abgefüllt werden. Und auch der Inhalt ist hochfein. Hopfennoten und Malzkörper sind immer perfekt aufeinander abgestimmt und die gut eingebundene Perlung zeigt, dass der Sud Zeit hatte zu reifen und einen ausgewogenen Charakter zu entwickeln. Verwendet wird ausschließlich Doldenhopfen. Die hübsche kleine Brauanlage steht übrigens in mitten des hellen Laden- und Verkostungsraums, sodass man an Brautagen bei der Arbeit zuschauen kann. Wir haben das Glück, nach einer Führung mit Brauer Fritz über seine Biere plaudern zu können. Die erste auf der Anlage kreierte Rezeptur war übrigens ein IPA, dass auch heute noch genau so gebraut wird und auf den passenden Namen sud eins hört.

Zum Ausflug ins Hopfenparadies haben Herr D. und ich meine Eltern überredet, die nach anfänglicher Skepsis jetzt ebenfalls ehrfürchtig mit uns neben den Hopfenriesen stehen. Kurze Zeit später erklärt uns Betriebsleiter Lukas, der Boss von über 100.000 Hopfenpflanzen, den aufwändigen Anbau und beantwortet geduldig unsere vielen Fragen. Von einem stählernen Steg, der vom Museum ins Hopfenfeld eines Nachbarbauern hineinreicht, hat man einen guten Überblick. Zum Zeitpunkt des Besuches Ende Juli ist es nur noch knapp ein Monat bis zum Start der Hopfenernte. In den letzten Tagen haben sich Regen und Sonne stetig abgewechselt. Wenn alles so bleibt, sollte die Ernte in diesem Jahr gut ausfallen.


Der Hopfen (lat. Humulus lupulus) ist eine Kletterpflanze aus der Familie der Hanfgewächse, die – wie anfänglich erwähnt – liebevoll gepflegt auch mal acht Meter in die Höhe wachsen kann. Für das Bierbrauen taugen ausschließlich die unbefruchteten weiblichen Blütenstände. Männliche Pflanzen haben daher im Hopfengarten Hausverbot. Die im Hopfen enthaltenen Bitterstoffe wirken als natürliches Konservierungsmittel und die ätherischen Öle geben das Aromenprofil des Bieres vor. Ein mit deutschem Cascade gebrautes Bier wird neben Zitrus- auch noch Noten von grünen Früchten wie Birne und Quitte haben. Den Tettnanger Hopfen hingegen zeichnen seine feinen, blumig-kräuertigen Aromen aus.

Ziel ist das Wachstum Richtung Himmel

Hopfen sind sensible und anspruchsvolle Pflänzchen, deren Anbau viel Geduld und Fingerspitzengefühl erfordert. Während man im Hopfenmuseum noch erleben kann, wie mühsam die Ernte früher gewesen sein muss, helfen heutzutage Maschinen bei der Arbeit. Zu Beginn eines Hopfenjahres ist allerdings viel Handarbeit gefragt: Erst einmal müssen die im Vorjahr abgeernteten Stöcke freigelegt und geschnitten werden. Als nächstes werden mit Hilfe einer hohen Maschine die Drahtseile neu gespannt und verankert, die dem Hopfen später als Kletterhilfe dienen. Sobald die Tage wärmer werden und sich die Hopfentriebe zeigen, ist erneut Handarbeit gefragt. Pflänzchen für Pflänzchen werden die feinen Reben im Uhrzeigersinn um Drähte geleitet, damit sie auch sicher den Weg nach oben finden. Eine zeitaufwändige Aufgabe. Rückenschmerzen inklusive. In den darauffolgenden Wochen wird das Längenwachstum immer wieder kontrolliert und die Reben nachjustiert.

Zur Ernte im Herbst werden die Reben maschinell knapp über dem Boden abgezogen und mitsamt der sogenannten Aufleitdrähte heruntergerissen. Die weitere Arbeit erledigt die gigantische Hopfenpflückmaschine in der großen Scheune, die beim Hopfengut so etwas wie das Herzstück des Museums bildet. Das ermöglicht Besuchern sämtliche Schritte der Hopfenarbeit live mitzuverfolgen. Die Maschine pflückt die Hopfendolden, die anschließend gereinigt und in der Hopfendarre getrocknet werden, bis sie nur noch einen Feuchtigkeitsgehalt von etwa 10 Prozent haben. Im Anschluss wird der Hopfen weiterverarbeitet. Die einfachste Form der ist dabei das Pressen des Hopfens in große Blöcke, um das Volumen zu verkleinern und den Transport zu erleichtern. Um die Qualität länger zu erhalten und beim Brauen die Dosierung zu erleichtern, wird Hopfen oft gemahlen und zu kleinen Pellets verarbeitet.

Seit dem 27. August ist die Ernte übrigens in vollem Gange. Wie es voran geht zeigen die Updates bei auf dem Hopfengut-Facebook- und Instagram-Kanälen.

Während das Hopfengut langsam im Rückspiegel verschwindet, seufzt Papa: „Mein Bier werde ich ab jetzt viel bewusster trinken.“ Ziel erreicht: Hopfen ist toll, auf nach Tettnang!

Hopfenlese für alle, die nun noch mehr wissen wollen:
hopfenhelden.de: Was ist eigentlich Hopfen?
hopfenhelden.de: Wie die Mango ins Bier kommt
bierhandwerk.de: Warum macht man eigentlich eine Hopfenschätzung?
Tettnang Hops Channel: Hopfenschätzung 2016 in Tettnang
geo.de: Warum sagt man eigentlich, da ist Hopfen und Malz verloren?
Hier kommt die Maus: Die Maus Spezial – Hopfen!

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